Zora Debrunner

Zora ist eine bemerkenswerte Frau mit vielen Talenten. Sie ist die Meisterin der Worte und man kommt in Verlegenheit, wenn man sie mit solchen beschreiben soll. Und sie fällt einem auch quer übers Bellevue und zwischen Menschenmassen auf! Dann strahlt sie und man fragt sich, warum sie auf Bildern eigentlich immer so ernst schaut, nie lacht.

Zora bloggte schon, als ich noch nicht einmal wusste, was das genau ist. Seit 2006 über TV Sendungen und seit zwei Jahren über ihre Grossmutter "Omi Paula" die sich langsam aber sicher in die Demenz verabschiedet und neuerdings in einem Pflegeheim lebt. Im nächsten Jahr wird "Demenz für Anfänger" als Buch im Ullstein Verlag erscheinen und in diesem war die Thurgauerin nominiert für einen Grimme Online Award in der Sparte Wissen und Bildung. (Wer nicht solange warten mag, dem sei der Roman "Lavinia Morgan - Privatdetektivin" ans Herz gelegt, ihr Debutroman der im Rahmen des Projekts "100 DAYS by Ron Orp" entstanden ist.)

Tribute interessiert sich vor allem für ihre Herzensbildung. Woher nimmt Zora die Kraft und den Mut, diesen manchmal sehr schmerzhaften Blog zu schreiben, woher ihren ausgeprägten Familiensinn? Ist dieses Niederschreiben der Entwicklung eine Ressource für sie oder eine Art Prozessarbeit? Wir haben sie gefragt und diese entwaffnend ehrliche Antwort erhalten:

"Vielleicht ist meine Leidenschaft für die Familie ein Ausdruck meiner Verlorenheit als Kind. Ich wurde als erste Tochter meiner Eltern nach drei Jahren Ehe geboren. ich war ein ersehntes und geliebtes Kind. Meine Grosseltern und Eltern hatten mich gern. Nach dem Tod meines Bruders aber waren meine Eltern sehr verletzt. Ich bin gross geworden in dem Gefühl, alle zusammen halten zu müssen, damit sie nicht auseinanderfallen. Der Tod meines Bruders hat auch meine Welt erschüttert. Das Gefühl, meine Mutter zu verlieren, begleitet mich, seit ich zwei Jahre alt bin.

Meine Mutter wurde schwer alkoholkrank. Sie hat für sich diesen Weg der Problembewältigung gewählt. In dieser Zeit wurde meine Oma mein wichtigster weiblicher Bezugspunkt. Zu ihr konnte ich mit all meinen Sorgen gehen. Auch mein Vater war, wohl ungewöhnlich für diese Zeit damals, für mich und meine Schwester da. Für ihn war es nach der Scheidung von meiner Mutter kein Thema, dass wir bei ihm aufwuchsen.

Dieses Engagement meines Vaters, die Liebe meiner Grosseltern, haben mich sehr gestärkt und mein Weltbild entscheidend geprägt.

Als mit dreissig meine Mutter schwer krank wurde, habe ich mich aber gefragt, ob ich jetzt die Kraft hätte, ihr bis zum Ende beizustehen. Doch dann war mir klar, dass ich gar nicht anders konnte, als bei ihr zu bleiben, egal, was alles passiert ist.

Auch in dieser schweren Zeit waren mein Vater, seine Frau Helene und meine Oma an meiner Seite. Ich bin mehr als einmal damals am Ende meiner Kräfte gewesen. Sie haben mir geholfen, Mutters Wohnung zu räumen, ihre Asche auf den Friedhof zu bringen.

Als Oma schliesslich immer vergesslicher wurde, war es ebenfalls klar, dass ich zu ihr schaue. Schliesslich war meine Mutter tot. Mein Vater und Helene waren mit Rat und Tat an meiner Seite.

Als ich anfing, den Blog zu schreiben, war ich sprachlos. Mir wurde die Tragweite von Omas Demenz bewusst, dass ich langsam aus ihrem Gedächtnis verschwinde. Doch noch viel schlimmer war es, dass Omas Erinnerungen verblassten. Darum begann ich zu schreiben. Mit jedem Wort, jeder Erinnerung an meine Familie, kehrte meine Sprache zurück. Ich konnte meine unfassbare Wut, meine Verzweiflung in Worte fassen.

Wann immer ich im Haus meiner Oma war oder bei ihr im Pflegeheim, schrieb ich einen neuen Beitrag. Anfangs hätte ich zehn pro Tag schreiben und veröffentlichen können. Die Wut hat sich gelegt. Mittlerweile hat sich meine Trauer gewandelt. Aber der letzte Schritt wird kommen. Noch ist meine Oma zufrieden und gesund in ihrem Pflegeheim. Sie ist 86 Jahre alt."
 

Sie hat sich auch unserer Frage gestellt, warum sie auf Fotos niemals lacht (wer mit Zora auf Facebook befreundet ist, weiss, wovon ich rede!) und auch darauf ungeschminkt und sehr persönlich geantwortet:

"Ich litt seit Kindheit an einer Kieferfehlstellung, der Progenie. Mein Unterkiefer stand weit vor dem Oberkiefer. Es hat mir das Sprechen, das Essen und das Lachen schwer gemacht. Mehr als einmal wurde ich Opfer von Sprüchen über mein Aussehen. Fotografieren war für mich eine Qual. Über die Inhalte mag ich gar nicht mehr nachdenken. In jenem Alter wäre die Zeit für Flirts und schüchternes Lächeln gewesen. Aber ich konnte das nicht. Es bereitete mir Mühe.

Nach der OP musste ich mich als erstes daran gewöhnen, dass ich anders aussehe. Das war für mich ein Schock. Ich fühlte mich nicht mehr entstellt, sondern wirkte mit einem Mal hübscher. Doch dieselben Menschen, die vorher mit mir kein Wort sprachen oder sich über mich lustig machten, lächelten mich nun an. Das schien mir nicht richtig.

Ich tue mich noch immer schwer mit Lächeln auf Kommando. Ich mag mein ernstes Gesicht, das angedeutete Lächeln."

Als ich sie am Bellevue traf, war sie in bester Begleitung und Stimmung und jegliche antrainierte Disziplin, ernst in die Kamera zu schauen, misslang ihr gründlich! Die Bilder, welche ich an diesem Nachmittag gemacht habe, zeigen eine lachende Zora, wie ich sie zuvor nicht kannte. Als ich ihr die Bilder mailte, war ich drum zuerst in Sorge, dass sie die Bilder vielleicht nicht mögen würde. Aber es kam umgehend ein "herzig. :-)" zurück und darum freut sich Tribute umso mehr, hier ein paar lachende Zora Bilder zeigen zu dürfen!

Zora, oh Zora, Tribute liebt Dich!

kafi freitag