Sulamith

Es gibt da diese Frau, sie arbeitet in der Bibliothek, wo ich regelmässig Lesefutter besorge. Unsere Begegnungen waren flüchtig, mal ein "Hallo" und ein paar Worte, mehr war zuvor nie und doch waren diese Begegnungen mit ihr immer etwas Besonderes. Es waren jedes Mal kurze Glücksmomente. Sulamith strahlt bei jeder Begegnung, eine besondere Wärme geht von ihr aus. Sie hat etwas in ihren Augen, was mich neugierig machte. Also fragte ich sie, ob sie Lust hätte, Kafi und mich zu treffen, um ein Porträt für Tribute zu machen.

Als sie zusagte, schrieb ich ihr: „Ich kenne Dich kaum und doch freut es mich jedes Mal uh, wenn ich Dich sehe. Du hast eine Wärme in Deinen Augen, die Tiefe ausstrahlt, irgendwie besonders … mich interessiert sehr, was dahinter steckt. Ich fühle mich immer, wenn ich Dir begegne, etwas glücklicher. Diese besondere Ausstrahlung, was steckt dahinter? Was ist Dein Lebensglück? Aber auch: Was ist schwierig, und welche Strategien hast Du, damit umzugehen? Wo und wie tankst Du Kraft?“

Sulamith schrieb mir, wie sie ihre Kindheit erlebte, die nicht immer einfach war. Beschrieb, wie sie in jungen Jahren eine Tochter bekam, die Beziehung zum Vater aber leider zerbrach, und wie sie bald darauf ihren heutigen Mann kennenlernte und mit ihm eine weitere Tochter bekam.

Auf die Zeilen, die nun folgten, war ich nicht gefasst:

„Das einschneidendste und traumatischste Jahr für mich war 2007. Anfangs 2007 hat sich meine Mutter das Leben genommen. Und obwohl das über die Jahre immer wieder ein Thema war, so ist man dann doch überhaupt nicht gefasst, es hat mich sehr erschüttert und tut es bis heute (und wohl bis ewig) immer wieder. Kurz nach ihrem Tod bin ich erneut schwanger geworden, ich sah dies als positives, lebensfrohes Zeichen. Allerdings ist Martha (geb. 2007), meine dritte Tochter, ganz überraschend an ihrem 10. Lebenstag gestorben. Dieser Tod hat mir für lange Zeit total den Boden unter den Füssen weggezogen. Meiner Intuition (und dies ist ein wichtiger Punkt für meine Lebenskraft) hab ich es zu verdanken, dass ich wie „automatisch“ vieles unternommen habe, um Marthas Tod zu verarbeiten. Nichtsdestotrotz sind der Tod Marthas und der Tod meiner Mutter die beiden Schicksalsschläge, die mich bis heute manchmal sprachlos und zum Zerbersten traurig machen.

Diese beiden Erlebnisse aber so gesund „überlebt“ zu haben, gibt mir auch eine enorme Kraft für meinen Alltag. Überhaupt geben mir die beiden Verstorbenen Kraft (tönt jetzt vielleicht eigenartig, aber ich fühle es so)."

Beim Lesen dieser Zeilen wurde mir klar, warum ihr Blick so viel Tiefe ausstrahlt und zugleich so warm ist. Tief berührt über diese Geschichte und ihre Offenheit mir gegenüber, traf ich sie am nächsten Tag zusammen mit Kafi zum Kaffee.

Als ich sie fragte, was sie damit meine, "sie habe vieles automatisch unternommen, um den Tod ihrer Tochter Martha zu verarbeiten", beschrieb sie uns, wie es war, als das Unvorstellbare plötzlich passierte. Wie sie ihre Tochter vom Spital nach Hause nahm und mit ihr einfach vier Tage im Bett lag. Wie sie neben ihr lag, geschockt und unfassbar traurig. Freunde und Familienangehörige kamen und nahmen Abschied, ihr Mann machte instinktiv ganz viele Fotos (etwas, wofür Sulamith heute sehr dankbar ist). Sie hat sich dem unglaublichen Schmerz einfach voll und ganz hingegeben. Tage, Wochen und Monate... Als sie wieder ein bisschen Kraft hatte, holte sie sich ganz viel Hilfe. Sie fand Unterstützung in Gesprächen mit ihrer Familie und den Freunden, aber auch durch Fachpersonen und in Gesprächen mit Müttern, die auch ein Kind verloren haben. Ihr intuitives Gefühl dafür, was ihr gut tut, half. Alles, was sie in dieser Zeit tat, half ihr, Wege zu finden, mit dem riesigen Verlust umzugehen.

Wann kommt nach so einem schlimmen Verlust der Alltag zurück?
Sulamith beschreibt den Moment des ersten Lachens nach dem Tod von Martha als schön und schmerzhaft zugleich. Sie fragte sich: Darf ich das überhaupt? Glücksmomente haben? Lachen? Doch langsam schlichen sich immer mehr Glücksmomente zurück in ihr Leben, am stärksten durch ihre Kinder.

Sulamith dazu:
"Im 2009 habe ich meine vierte Tochter Selma geboren. Sie und meine beiden grossen Töchter Mina und Uma gaben und geben mir sehr viel Lebenskraft."

Sulamiths zuvor noch tränenerfüllten Augen beginnen zu strahlen. Die Familie, sagt sie, gebe ihr sehr viel Kraft im Alltag. Zu wissen, dass ihre Mädchen sie brauchen, helfe ihr weiterzuleben. Sie habe vier Kinder, sagt sie ganz bewusst. Es sei ihr wichtig, dass viel über Martha gesprochen wird. Marthas Geburtstag feiern sie als Freudentag. Mina, Uma und Selma erwähnen Martha häufig und ganz selbstverständlich.

Sulamith klammert nichts aus, sie stellt sich ihrer Trauer sehr bewusst und schafft so Wege für ein neues Glück. Sie beschreibt ihr Lebensglück heute so:

"Es gibt Tage, da denke ich, „es“ nicht zu schaffen, da zerdrückt mich meine Biografie, und ich denke, "so kompliziert alles, warum nur, etc". Dann nehme ich mir Zeit, um für mich meinen Gedanken nachzuhängen, zu sortieren, zu trauern. Im Wissen, dass ich zum Glück stets nur sehr kurz "schlecht wäg" bin. Weil da die Tage sind, an welchen es gut läuft. Da habe ich das Gefühl, das Vertrauen, das ich gerade meinem ungeraden Lebenslauf zu verdanken habe, macht, dass ich stark sein kann, dass ich eine verlässliche Intuition habe, dass meine Lebenserfahrung auch eine Neugierde aufs Dasein hervorruft, die mich antreibt.

Allgemein versuche ich vermehrt, die kurzen, tollen Momente auszukosten, aufzusaugen, zu erinnern und daraus Kraft zu schöpfen. Ich liebe schöne Dinge, schöne Inneneinrichtungen, Sächeli. Kann mich beinahe nicht sattsehen. Auch Blumen, Farben sind enorm wichtig für mich. Schöne Dinge rühren mich. Auch gute Texte, Bücher berühren und freuen mich sehr. Dann natürlich Begegnungen mit lieben Menschen, Blicke mit Fremden - man guckt sich an, lächelt - geht weiter. Lustige Überlegungen, Gedanken, Blödeleien der Kinder machen mich glücklich. Wenn die Sonne im Wald (ich gehe oft laufen) so durch die Bäume scheint, berührt mich das sehr. Ein Reh, das innehält, mich anguckt und weitergeht. Das gibt mir eine Ruhe, die guttut. Wenn es mit den Kindern und meinem Partner gerade stimmig ist, ich nix zu nörgeln habe, sie zufrieden sind, kurze, intensive Momente."

Wenn Sulamith über ihr Lebensglück erzählt, füllt sich der Raum mit Wärme. Es ist faszinierend und extrem berührend, zu sehen, wie Trauer und Glück sich vermischen. Sulamith lebt das Leben pur, voll und ganz. Sie hat den Mut, alle Emotionen, die zu ihr gehören, zu leben, und dies macht sie zu einer ganz besonderen Frau.

Liebe Sulamith, ich freue mich schon sehr, Dir in der Bibliothek bald wieder zu begegnen und mich vom Glück küssen zu lassen! Danke, dass Du Deine Geschichte mit uns teilst. Tribute liebt Dich!

Deine Sara