Kafis Predigt als kurze Aktennotiz.

Letzten Sonntag war ich zu Gast in der reformierten Kirche in Wettingen. Der Pfarrer Lutz Fischer Lamprecht hatte mich eingeladen, die Predigt in seinem Gottesdienst zu halten. Das wäre alles nicht weiter spektakulär, wäre ich gläubig oder zumindest Mitglied der Kirche. Aber ich bin beides nicht, meine christliche Karriere war mit meinem Ausstieg in der Kirche mit 16 Jahren beendet. Seither habe ich mit Gott und der Kirche nichts mehr am Hut. 

Umso mehr hat mich die Einladung von Fischer gefreut. Diese Offenheit und Neugierde! Natürlich nahm ich die Einladung an! Und das Thema war auch schnell bestimmt, ich wollte zum Thema Nächstenliebe predigen. 

Und das tat ich dann auch. Bei strömendem Regen und vor vollen Kirchenbänken. Über 130 Menschen waren in die Kirche gekommen um meine Predigt zu hören und als diese beendet war, erhielt ich - vollkommen unüblich mitten in einem Gottedienst - herzlichen Applaus. Es war ein unbeschreibliches Erlebnis, das mich sehr berührte. Die Besucher bedankten sich am Ausgang sehr herzlich für meine gehaltvolle mutige Predigt.

Natürlich hätte ich eine Video- oder Tonaufnahme online posten können. Das Material ist gut, ich habe es wirklich sehr gut gemacht an jenem Vormittag. Aber ich habe mich ganz bewusst dagegen entschieden. Den Zauber, der in der Kirche geherrscht hat, kann man mit keiner Aufnahme konservieren. Meine Predigt soll all den Menschen gehören, die am Sonntag früh aus dem Bett gestiegen sind, und durch das gruusige Wetter nach Wettingen kamen. 

Dennoch möchte ich einen kleinen Ausschnitt aus der Predigt in einem Text zusammenfassen. Das Thema Nächstenliebe ist ein sehr wichtiges. Gerade heute, wo Menschlichkeit so dringend benötigt wird. Hier und überall auf der Welt. 
 

Photocredit: Reto Schläppi

 

Nächstenliebe also. 


Die Liebe für den Nächsten/die Nächste. Wer ist das genau? Ist das Dein Kind? Dein Mann, die Eltern, Nachbarn, die Gesellschaft? Ja. Auch. Aber in erster Linie bist Du das. Du bist Dir der Nächste. Klingt das für Dich egoistisch? Selbstbezogen? Mit dieser Meinung wärst Du in bester Gesellschaft. Wir sind darauf getrimmt, bescheiden zu sein. Ja nicht sich selber in Mittelpunkt stellen! Geht gar nicht. Wenn man an sich selber glaubt und es zeigt, dann macht man sich zur Angriffsfläche.

Wie oft wurde mir schon ins Knie geschossen, wenn mir etwas gut gelungen ist. Wie oft wurde mir ans Bein gepinkelt, weil ich mich für mich gefreut habe. Immer mal wieder reden Menschen schlecht über mich. Mein Selbstbewusstsein und meine Art, für mich und meine Interessen einzustehen, ist vielen ein Dorn im Auge. Früher habe ich das sehr persönlich genommen, es hat mich furchtbar gekränkt. Dann habe ich angefangen, mal genauer hinzusehen und mich zu fragen, WER genau schlecht über mich redet. Und vor allem WARUM?

Es waren Menschen, die sich selber nicht viel gönnen. Menschen, die im tiefsten Inneren nicht zufrieden mich sich selber sind und darum andere in ihrem Zufrieden sein nicht ertragen können. Es waren Menschen, die auf den ersten Blick zwar oft sehr selbstsicher und überzeugt von sich wirkten, diesen Eindruck beim genaueren Hinsehen aber nicht bestätigen konnten. Im Gegenteil, es waren sehr unsichere Menschen. Menschen, die es vermutlich nie wirklich gelernt hatten, sich selber zu akzeptieren und aus vollem Herzen zu lieben. Mir wurde diese Liebe auch nicht in die Wiege gelegt. Auch ich musste sie zuerst erlernen. 

Gottlob war und bin ich in meinem Leben auch immer von Menschen umgeben, die mir meinen Erfolg gegönnt haben und mich in Misserfolgen unterstützt, getragen haben. Menschen, die da waren, wenn ich darauf angewiesen war und die sich dann aber auch ehrlich freuten, wenn ich es wieder ohne deren Unterstützung schaffte. Auch diese Menschen habe ich mir genauer angeschaut und gemerkt, dass diese eine tiefe Zufriedenheit mit sich verinnerlicht haben. Es sind Menschen, die bei sich sind, Menschen, die sich so gern haben, wie sie nun mal sind. Mit all ihren Unzulänglichkeiten und ihren grossartigen Stärken. Diese Menschen sind fähig, auch mich mit meinen Schwächen (und es sind beileibe nicht wenige, das kann ich Dir versichern) und meinen Stärken zu akzeptieren und zu lieben.

Nächstenliebe also. Was bedeutet sie genau, wenn ich mich selber nicht liebe? In der Bibel heisst es: Liebe deinen Nächsten wie dich selbst.  Der Gradmesser für die Beziehungen, die ich führe, ist also immer die Beziehung zu mir selber. Wenn ich mich selber nicht liebe, dann ist Nächstenliebe ein sehr leeres Wort.

Würden wir nicht besser noch heute damit anfangen, in die Beziehung zu uns zu investieren, anstatt uns über andere Menschen das Maul zu zerreissen? Würden wir nicht besser noch heute damit anfangen, uns zu lieben, anstatt andere klein zu machen? Würden wir nicht besser an uns selber arbeiten, als anderen ihren Erfolg zu missgönnen?

Wenn Du vorher, als ich weiter oben im Text geschrieben habe, dass ich meine Sache sehr gut gemacht habe, innerlich zusammengezuckt bist, dann wäre es an der Zeit, sich mal Gedanken zu machen, ob Du es Dir insgeheim auch wünschen würdest, so positiv über Dich und Deine Arbeit zu reden. 

Wenn es Dich nervt, dass ich mich selber lobe, dann wäre es vielleicht an der Zeit, sich mal hinzusetzen und ein Blatt mit Eigenlob voll zu schreiben. 

Die Art und Weise, wie wir über uns selber denken und reden, prägt unseren Umgang mit den Menschen um uns herum. Es sagt immer sehr viel über unsere Selbstliebe aus, wenn wir über andere Menschen schlechte Worte verlieren.  Es sagt immer sehr viel über uns selber aus, wenn wir anderen mit Eifersucht begegnen.

Man erntet, was man sät, so steht es in der Bibel geschrieben.

Wenn wir über andere Menschen schlecht reden und in Missgunst und Neid verfallen, dann wird die Antwort darauf Missgunst und Neid sein. Wir können nicht Mensch sein, ohne andere Menschen. Die Liebe und Menschlichkeit die wir ausstrahlen, reflektiert auf uns zurück. Aber ebenso alles Negative und Schlechte, was wir in die Welt hinaustragen. Wir erwarten von unserem Mitmenschen, dass sie uns lieben und respektieren. Aber wie bitte soll das gehen, wenn wir es selbst nicht tun? Solange wir uns selber nicht lieben und respektieren, werden es andere niemals tun. 

Nächstenliebe also. Ein eigentlicher Befehl, an der Liebe zu sich selber zu arbeiten. Wenn Du das tust, schenkst Du Dir und der ganzen Welt eine ganze Menge: Du schenkst der Welt das Stückchen Frieden, was Du und ich und alle Menschen, gerade heute so gut gebrauchen könnten!

Kafi Freitag